
Mechanische Uhren leben von Reibung und Präzision. Zwischen Zapfen, Lagersteinen und Hemmung sorgt ein passender Schmierstoff dafür, dass Kraft gleichmäßig übertragen wird und Bauteile nicht unnötig verschleißen. Doch ein Tropfen am falschen Ort kann mehr schaden als helfen: Gangabweichungen, klebende Teile oder verschmutzte Lager sind häufige Folgen.
Dieses Uhrenbuch richtet den Blick auf das kontrollierte Ölen: Welche Stellen überhaupt Schmierung benötigen, wie viel Öl sinnvoll ist und warum Sauberkeit vor dem Öler steht. Wer die Logik der Schmierpunkte versteht, erkennt schnell, dass Ölen kein „Mehr ist besser“ kennt, sondern Dosierung und Platzierung.
Im Mittelpunkt stehen typische Fehlerquellen aus der Praxis: falsche Viskosität, Ölwanderung, überfüllte Lager, verunreinigte Werkzeuge sowie die Verwechslung von Fett und Öl. Schritt für Schritt wird klar, wie man ruhige Amplituden, stabile Reibwerte und eine gleichmäßige Funktion erreicht, ohne das Werk durch übermäßige Schmierung zu belasten.
Ölwahl nach Werktyp: Welche Viskosität und welches Uhrenöl für Lager, Hemmung und Federhaus?
Die Ölwahl richtet sich nach Drehzahl, Druck und Kontaktart im Werk: Schnell laufende Zapfen brauchen ein dünnes Öl, langsam laufende, stärker belastete Stellen ein zäheres. Bei Handaufzug und Automat sind die Grundprinzipien gleich, doch Automatikwerke fordern wegen Zusatztrieb, Umkehrrädern und höherer Laufzeit oft eine strengere Trennung der Viskositäten. Für sehr kleine Lager (z. B. Sekundenrad, Ankerrad) eignet sich ein feines, niedrigviskoses Uhrenöl; für größere Lager (z. B. Federhauslager, Zentrum) eher ein mittelviskoses Öl, das am Ort bleibt und keinen trockenen Rand hinterlässt. Hochfrequente Werke profitieren von stabilen, dünnen Ölen in den schnellen Lagern, während ältere, „kräftigere“ Kaliber häufig mit etwas höherer Viskosität ruhiger laufen.
Für Lager gilt: Je kleiner der Zapfen und je höher die Drehzahl, desto dünner; je größer die Lagerfläche und je höher die Flächenpressung, desto zäher. In Steinlagern wird sparsam dosiert, damit sich ein sauberer Meniskus bildet, ohne dass Öl auf die Platine kriecht. Bei Lagerungen mit größerem Spiel oder rauerer Oberfläche (typisch bei alten Taschenuhrwerken) kann ein etwas höherer Viskositätsbereich sinnvoll sein, weil der Schmierfilm nicht so schnell abreißt. Kunststofflager oder -buchsen (falls vorhanden) verlangen ein Öl, das mit dem Material verträglich ist und nicht wandert; hier sind produktspezifische Herstellerangaben maßgeblich.
Die Hemmung verlangt eine andere Logik: Auf den Impulsflächen werden meist Spezialöle mit hoher Haftneigung eingesetzt, die nicht „wegschleudern“ und keine klebrigen Rückstände bilden. Ankerrad-Zähne und Paletten bekommen nur die kleinste Menge, punktgenau auf die Kontaktzone; zu viel Öl zieht Staub, verteilt sich auf die Sicherheitsflächen und kann Abfallfehler provozieren. Bei Schweizer Ankerhemmung wird für Paletten/Impulsflächen ein sehr haftendes Hemmungsöl genutzt, während die Anker- und Unruhlager wieder nach Lager-Regel (dünn) behandelt werden; Stiftanker- und Roskopfhemmungen vertragen häufig etwas zähere, gut haftende Produkte an den Kontaktstellen, ohne dass die Reibung unkontrolliert ansteigt.
Im Federhaus dominieren Gleitreibung und hohe Last: Für die Feder (Bridle/Zaum bei Automatik) nimmt man ein Federfett bzw. ein zähes Gleitmittel, das gleichmäßig haftet und ruckfreies Abwickeln unterstützt; für die Federhauswand bei Automatik ist ein spezielles Haftfett sinnvoll, damit der Zaum kontrolliert rutscht. Federhauslager und Deckelkontakt werden getrennt betrachtet: Lagerzapfen mittelviskos, Gleitflächen fettig-zäh, nie mit dünnem Lageröl „ersetzt“, weil es rasch verteilt wird und die Feder trocken laufen kann. Bei Handaufzug ohne Rutschzaum liegt der Fokus auf gleichmäßigem Fettfilm auf der Feder und sauberer, nicht überfetteter Wandung, damit Drehmoment und Amplitude stabil bleiben.
Ölauftrag in der Praxis: Wo exakt ölen, wie viel, mit welchem Ölgeber und in welcher Reihenfolge?
Geölt wird nur dort, wo Metall auf Metall läuft: Zapfen in Lagersteinen, Gleitflächen von Hebelsteinen, Reibflächen im Aufzug. Nicht geölt werden dürfen Zahnflanken (außer Spezialfälle wie stark belastete Aufzugsräder), Spirale, Unruhreif, Hemmungsflächen von Ankerpaletten (bei Schweizer Anker nur die Impulsflächen mit passendem Fett/Öl, nie die Ruheflächen), sowie alle Bereiche, in denen Öl durch Kapillarwirkung in die Hemmung kriechen könnte. Bei Loch- und Deckstein gilt: Öl sitzt als sauberer Meniskus zwischen beiden Steinen; auf dem Deckstein oben aufliegende Tropfen sind ein Fehler.
Werkzeuge und Dosierung
- Ölgeber: feiner Stift (Größe 5–7) für kleine Lager, mittlerer Stift (3–4) für Räderwerk, breiter Stift oder Fettspatel für Schlüsselwerk/Schaltteile.
- Aufnahme: Spitze nur in die Öloberfläche tauchen, dann am Öltopf-Rand abstreifen, bis ein kontrollierbarer Tropfen entsteht.
- Mengenregel: im Lochstein etwa 1/3 bis 1/2 des sichtbaren Ölraums; bei kleinen Zapfen eher weniger. Zu viel zeigt sich als „Kragen“ am Zapfen oder als wandernder Film.
- Applikationspunkt: seitlich an den Lochstein ansetzen, nicht auf den Zapfen drücken; Öl soll in die Bohrung gezogen werden, ohne die Umgebung zu benetzen.
Reihenfolge am Werk
- Federhaus: Feder (je nach Bauart) mit geeignetem Fett, Federhauswand sparsam, Lagerzapfen beidseitig. Danach Federhaus einsetzen.
- Räderwerk: Zentrum-, Dritt-, Viert- und Ankerrad einsetzen, Brücke schließen, freien Lauf prüfen, dann Lagersteine von oben ölen; bei Unterlagerung ggf. von der Zifferblattseite ergänzen.
- Hemmung: Ankerlager minimal, Anker einsetzen, Funktion ohne Unruh prüfen; Impulsflächen nach Vorgabe dosieren (Mikromenge), danach erst Unruh montieren.
- Aufzug/Zeigerstellung: Kupplung, Wippen, Klinken, Winkelhebel nur an Gleitstellen; dort eher Fett als dünnes Öl, Zahneingriffe trocken lassen.
Kontrolle nach dem Ölen: Werk in Lagen bewegen und mit der Lupe prüfen, ob Öl in der Lagerbohrung bleibt und keinen Randfilm bildet; bei Decksteinlagern muss der Meniskus zentriert stehen. Nach 10–15 Minuten Laufzeit erneut schauen: wandert Öl Richtung Hemmung oder bildet sich ein glänzender Hof, wird mit sauberem Putzholz abgenommen und neu dosiert. So bleibt der Ölauftrag stabil und reproduzierbar.
